Kaum vorstellbar, aber bis etwa 1850 war dieses Gebiet eine ländliche und dünn besiedelte Region. Bis auf wenige Städte entlang dem Hellweg, einem schon seit über 5.000 Jahren genutzten Handelsweg zwischen Duisburg und Paderborn, gab es hier nur kleine Dörfer. Diese lagen verstreut zwischen Wiesen, Sumpfflächen, Feldern und Wäldern. Heute - also nur rund 150 Jahre später - leben hier rund 3,8 Millionen Einwohner. Weite Teile der Emscher-Lippe-Region gehören zu einem der größten städtischen Ballungsgebiete Europas, dem Ruhrgebiet, und dieses verdankt seine Entwicklung in erster Linie dem Vorkommen der Steinkohle.
Erste Erwähnungen von Kohlefunden reichen zurück bis in das 13. Jahrhundert, aber bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war der Bergbau lediglich eine willkommene Nebenbeschäftigung zur Landwirtschaft. Zunächst erfolgte der Kohleabbau an den Hängen des westlichen Ruhrtales. Hier trat die Kohle zu Tage und konnte mit wenig Aufwand gewonnen werden, zumal die Förderung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein allein durch die Kraft von Pferd und Mensch möglich war. Aber der Bedarf an Kohle wuchs gewaltig, insbesondere für die Eisen- und Stahlindustrie. Mit zunehmender Technisierung konnten auch immer tiefer liegende Kohlevorkommen erschlossen werden, und der Steinkohlebergbau wanderte von der Ruhr aus nordwärts. Zechen entstanden überall dort, wo man die Kohle am besten abbauen konnte, und das war meistens auf der "grünen Wiese". Um genügend Arbeiter unterbringen zu können, errichteten die Bergbaugesellschaften in der Nähe der Schächte Siedlungen, die schnell wuchsen. Innerhalb von wenigen Jahren entstand so der Ballungsraum zwischen Ruhr und Lippe. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts dehnten sich Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie weiter aus, die Bevölkerungszahl wuchs auf fast vier Millionen Menschen. Hinzu kam die chemische Industrie, die mit ihren hohen Schornsteinen vor allem die Emscherzone prägte. Seit den 1960er Jahren befindet sich das Ruhrgebiet erneut im Wandel. Die Kohlevorkommen sind nahezu erschöpft oder nicht mehr wirtschaftlich abzubauen, der Bergbau und die traditionell zugehörige "Schwerindustrie" - Stahlverarbeitung, Hüttenwerke und Ähnliches - weichen zu Gunsten von Dienstleistungs- und Hightechunternehmen.

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Ein naturbelassener Fluss

Emscher und Lippe sind typische Flachlandflüsse, die - wie die meisten Bäche und Flüsse in unserer Region - von Natur aus ein geringes Gefälle und somit eine geringe Fließgeschwindigkeit besitzen. Sie würden sich natürlicher Weise in zahlreichen Windungen (Mäandern) ihren Weg durch die Landschaft bahnen. So war auch die Emscher bis ins 19. Jahrhundert ein kleiner, träger Fluss in einem kaum besiedelten, von einer Sumpflandschaft geprägten Raum. Sie entspringt östlich von Dortmund bei Holzwickede und mündete damals noch bei Duisburg-Alsum in den Rhein. In früherer Zeit war die Emscher unberechenbar. Sie suchte sich ständig neue Wege und überschwemmte vor allem nach starken Regenfällen weite Gebiete. Auch ihre zahlreichen Zuflüsse hatten aufgrund des geringen Gefälles weit verzweigte Nebenarme, und so entstand eine sumpfige Flusslandschaft, der Emscherbruch.

Emscherüberschwemmung um 1900

Die Emscher war aber von jeher auch von großer Bedeutung für den Menschen. Der Fluss war bekannt für seinen besonderen Fischreichtum. Das Wasser wurde durch Wehre aufgestaut, und mit Hilfe der Wasserkraft wurden Mühlen angetrieben. Mit dem Beginn des Bergbaus verlor die Emscherregion ihren ländlichen Charakter. Die Abwässer der neu entstandenen Industrieregion, eine teils giftige Brühe, hatten verheerende Wirkungen auf die Wasserqualität der Flüsse und Bäche. Diese wurden nach und nach zu stinkenden Kloaken. Gleichzeitig verschlechterte sich ihr Abfluss durch großflächige Bergsenkungen als Folge des Kohleabbaus. Zusätzlich pumpte der Bergbau noch salzhaltiges Grubenwasser in die Gewässer. Überschwemmungen wurden zum Regelfall, und faulende Abwässer in überfluteten Senken führten zu heute kaum vorstellbar unhygienischen Zuständen. Epidemien und Krankheiten wie Typhus und Malaria breiteten sich aus. Da dieses Problem nur gemeinsam zu lösen war, schlossen sich Vertreter der Gemeinden, der Industrie und des Bergbaus 1899 zusammen und gründeten die Emschergenossenschaft. Diese hatte vor allem dafür zu sorgen, dass die Abwässer störungsfrei und möglichst schnell in den Rhein flossen. Die Klärung des Abwassers war nur mit einfachen Methoden möglich, und Naturschutz spielte zur damaligen Zeit lediglich eine untergeordnete Rolle. Also wurden die Emscher und ihre Nebengewässer größtenteils als offene Schmutzwasserläufe begradigt und in Beton gefasst. Fast ein Jahrhundert lang prägten die technisch ausgebaute Emscher und ihre Nebenläufe das Gesicht der Region.
Die Lippe war schon im Mittelalter ein wichtiger Handelsweg. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden entlang dem Fluss die Städte Dorsten, Haltern, Hamm, Lippstadt, Lünen und Wesel gegründet. Kein Wunder, dass es schon Ende des 15. Jahrhunderts Pläne gab, die Lippe als Schifffahrtsweg nutzbar zu machen. Es dauerte allerdings noch über 200 Jahre, bis die Lippe um 1830 durchgehend von Wesel bis Lippstadt für Schiffe befahrbar war. Nach 1850 wuchs schnell das Eisenbahnnetz und bot günstigere Transportmöglichkeiten. Zudem versandete das Flussbett der Lippe immer wieder.

Ein Abschnitt des Rhein-Herne-Kanals

1890 begann man deshalb, für den Transport von Massengütern wie Kohle, Erz und Baustoffe Schifffahrtskanäle zu bauen, den Dortmund-Ems-Kanal (1899), den Datteln-Hamm-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal (1914) sowie den Wesel-Datteln-Kanal (1931). So entstand das Netz der westdeutschen Kanäle, über das auch heute noch große Mengen an Gütern transportiert werden. Gegen 1900 hielten Bergbau und Industrie Einzug an der Lippe, und damit wuchsen auch hier die Probleme mit der Wasserqualität. Immer mehr Wasser wurde gebraucht, und immer mehr Abwässer verschiedenster Art verschmutzten die Lippe und ihre Zuflüsse. Und wegen Bergsenkungen mussten wie im Emschergebiet viele Bäche vertieft oder eingedeicht werden. Zahlreiche Pumpwerke sorgen bis heute dafür, dass die Senkungsmulden trocken gehalten werden. Die Lippe wurde örtlich begradigt und verkürzt. Die Ufer sind weitestgehend befestigt. Dadurch hat sich der Fluss bis zu drei Meter tief in den Untergrund eingeschnitten.
Die Lippe zeigt heute zwei Gesichter: In den städtischen Bereichen, in Hamm, Lünen und Dorsten sowie bei Marl, verläuft sie zwischen Deichen. Ansonsten fließt sie in gewundenem Verlauf meist inmitten von Wiesen, Weiden und Äckern, obwohl auch Industrieanlagen bis nah an den Fluss heranrücken.

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