Ein gigantisches, in Europa derzeit einmaliges Projekt ist der flächendeckende Umbau des Emschersystems, also der Emscher und ihrer Zuflüsse, mit dem die Emschergenossenschaft 1991 begonnen hat.
Die ersten Schritte sind bereits gemacht. Bis Mitte der 1990er Jahre floss das gesamte Abwasser nur mechanisch gereinigt bis zur Mündung der Emscher in den Rhein und wurde erst im Klärwerk Emschermündung biologisch geklärt. Jetzt werden die Abwässer zusätzlich in zwei weiteren biologischen Großkläranlagen gesäubert. Den Erfolg kann jeder riechen, die Emscher stinkt - anders als früher - kaum noch.
Der nächste große Schritt ist der Bau unterirdischer Abwasserkanäle entlang den Gewässern. Das Schmutzwasser soll über die Kanalisation direkt den Klärwerken zugeführt werden. Noch vor dem Jahr 2020 soll das Abwasser in der gesamten Emscherregion unter die Erde verbannt sein.

Ein offener Schmutzwasserlauf

Sind die Wasserläufe von ihrer Abwasserfracht befreit, kann der Umbau in naturnahe Gewässer beginnen. Die Betonschalen werden entfernt, und der Wasserlauf bekommt ein neues Bett, das je nach Platzangebot möglichst naturgemäß in Windungen die Landschaft durchzieht. Anschließend werden die Ufer mit gewässertypischen Bäumen und Sträuchern bepflanzt, oder man überlässt sie einfach der Natur (natürliche Sukzession). Wo genügend Platz zur Verfügung steht, entstehen Feuchtbiotope und Wanderwege. So entwickeln sich neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere sowie Erholungsraum für uns Menschen. Außerdem werden die Auen im Hochwasserschutz eine große Rolle spielen: Steigt der Wasserspiegel an, so können sie große Wassermengen als Speicher aufnehmen. Allerdings ist ein naturnaher Umbau in diesem dicht besiedelten Raum nur bedingt möglich. Nicht überall ist genug Platz, und die ursprüngliche Landschaft kann nicht wiederhergestellt werden. Bergsenkungen und die Nutzung durch uns Menschen haben sie dauerhaft verändert.

Kanalbau

Entlang der Emscher entsteht zurzeit zwischen Dortmund und Dinslaken ein in der Welt wohl einmaliger Abwasserkanal, der Emscher-Kanal. Er wird etwa 51 Kilometer lang werden und die Kläranlage Bottrop und das Klärwerk Emschermündung mit Abwasser "versorgen". Abwasserkanäle benötigen ein bestimmtes Gefälle, damit das Abwasser mit eigener Kraft abfließen kann und nicht zu starke Verschmutzungen an den Kanalwänden hinterlässt. Deshalb nimmt die Kanaltiefe von Holzwickede aus nach Westen hin in zwei Stufen zu: Der bereits zwischen Holzwickede und Dortmund verlegte Abwasserkanal kommt auf rund 21 Metern Tiefe bei der Kläranlage Dortmund-Deusen an. Im anschließenden Abschnitt bis zum Klärwerk Emschermündung in Dinslaken wird der Kanal, ausgehend von acht Metern Tiefe, sogar bis in 40 Meter Tiefe verlegt. Der Kanal wird immer mit so viel Abwasser gefüllt sein, dass er nicht mehr so wie andere Kanäle begehbar ist. Wartung und Betrieb werden deshalb von einem besonders entwickelten, automatischen Inspektions- und Reinigungssystem übernommen.
Durch die Umgestaltung der Emscher soll der Fluss wieder ein lebendiger Lebensraum werden. In der Emscher sollen sich möglichst wieder solche Strukturen und Elemente entwickeln können, wie sie ursprünglich einmal typisch waren. Hierzu gehören unter anderem Mäander und Altarme, eine natürliche Gewässertiefe und -breite (also ein natürliches Gewässerprofil), aber auch die für den Fluss und seine Aue typische Tier- und Pflanzenwelt. Dabei soll sich die Emscher abschnittsweise sogar aus eigener Kraft ihr neues Flussbett gestalten. Allerdings sind die Möglichkeiten für eine solche "eigendynamische" Umgestaltung im dicht besiedelten Emscherraum durch Bebauung und Industrie vielfach stark eingeschränkt. Die Emscher wird auch in Zukunft über weite Strecken eingedeicht sein, eine "natürliche Aue" wird es hier nicht geben (man spricht deshalb von einer "Ersatzaue").
Auch wenn die Neue Emscher nicht wie früher frei mäandrieren kann, so wird sie doch ein für sie typisches, relativ flaches und sehr breites, überwiegend sandiges Flussbett bekommen. An der Mündung in den Rhein ist beispielsweise eine Aufweitung von derzeit rund 20 Metern auf 26 Meter vorgesehen.

Eine Radtour

Mit dem Umbau entsteht auch das Neue Emschertal. Dieses umfasst räumlich einen Korridor zwischen dem Rhein im Westen sowie Dortmund und Holzwickede im Osten. Und es gibt schon konkrete Vorstellungen, wie es einmal aussieht. Dabei wird nicht nur der Emscherfluss wieder zum Leben erweckt. Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung und Attraktivitätssteigerung des gesamten Siedlungs-, Wirtschafts- und Landschaftsraumes. In der Mitte des Neuen Emschertals verläuft entlang der Emscher ein durchgängiges "grünes Band" (Freiraumband). Fuß- und Radwege laden zu Entdeckungsreisen ein. Lust auf einen Ausflug? In Dortmund und Holzwickede lässt sich das Neue Emschertal bereits heute erleben.

Sylt und Mallorca sind Inseln, die jeder kennt, aber schon mal was von der Emscher-Insel gehört? Sie ist 34 Kilometer lang, liegt zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal und reicht von Castrop-Rauxel bis nach Oberhausen. Mit elf Quadratkilometern ist sie ungefähr so groß wie die Nordseeinsel Juist. Durch den Bau der Neuen Emscher wird sich auch das Gesicht der Insel verändern, denn an der Emscher entstehen neue Erholungsbereiche, und das bedeutet mehr Lebensqualität. Die Insel wird attraktiver, zum Wohnen, aber auch für Unternehmen, und das wird neue Arbeitsplätze schaffen.

Und es gibt noch weitere Pläne. In Dortmund entsteht auf einem ehemaligen Industriegelände ein großer See, der Phoenix See. Dieser wird über einen Kilometer lang und bis zu 310 Meter breit sein. Gleichzeitig wird hier die Emscher, die über Jahrzehnte in einem Kanal unter dem ehemaligen Industriegelände floss, zurück ans Tageslicht geholt. Sie erhält ein neues Flussbett und kann sich in einer bis zu 50 Meter breiten Gewässeraue wieder frei bewegen und über die Ufer treten. Emscher und Phoenix See haben normalerweise keine Verbindung. Nur bei seltenen Hochwasserereignissen, wie sie in der Emscher etwa alle zehn Jahre auftreten, dient der See als Hochwasserrückhaltebecken.
Zum Schluss ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit. So wie vor 200 Jahren zu leben, ist für uns heute kaum noch vorstellbar, ohne Fernseher, CD-Player und Computer. Im Emscherquellhof kann sich jeder ein Bild davon machen, wie es früher einmal war. Dieser ehemalige Bauernhof wurde von der Emschergenossenschaft restauriert. Das Haupthaus, ein Fachwerkhaus (den für diese Region typischen Baustil nennt man übrigens Westenhellweghof, so heißt die Landschaftseinheit), sieht heute fast genauso aus wie zum Zeitpunkt seiner Errichtung im Jahre 1801. Eine Ausstellung zeigt, wie die Menschen hier damals gelebt und gearbeitet haben. Aber es ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft möglich, durch Führungen, Vorträge und Ausstellungen über die Neue Emscher und das Neue Emschertal. Wo der Emscherquellhof liegt, verrät sein Name: nahe den Quellen der Emscher bei Holzwickede. Der Ursprung der Emscher befindet sich eigentlich einige hundert Meter südwestlich vom Hof. Hier gibt es insgesamt fünf kleinere Quellen. Am Emscherquellhof sammelt sich aus einer weiteren Quelle zusätzliches Wasser in einem Teich. Diesem Teich wird auch das Regenwasser, das von den Dächern und befestigten Plätzen abfließt, zugeleitet, und die Emscher kann nun ihren langen Weg zum Rhein beginnen.
Nicht nur die Emscher, auch ihre Nebenbäche werden ein neues Gesicht bekommen. Der Hellbach beispielsweise soll bis 2012 renaturiert werden. Er fließt derzeit noch als Abwasserbachlauf von Norden nach Süden durch Recklinghausen und mündet auf der Stadtgrenze zu Herne in die Emscher.
Für die Umgestaltung der Boye in Bottrop und Gladbeck ist die Planung ebenfalls in vollem Gange. Im Oberlauf ist sie bereits heute ein natürlicher Lebensraum für die wassertypische Pflanzen- und Tierwelt. Ihr oberer Abschnitt wurde allerdings auch nie als Schmutzwasserkanal ausgebaut. Die Groppe, eine anspruchsvolle Fischart, die in Tieflandgewässern nur noch selten vorkommt, lebt hier und wird sich nach einem erfolgreichem Umbau der Boye und ihrer Nebenbäche sicherlich weiter ausbreiten.

Läppkes Mühlenbach vor dem Umbau

Das Beispiel Läppkes Mühlenbach in Essen und Mülheim zeigt, dass sich die Mühe lohnt. Sein Umbau auf den oberen rund zwei Kilometern war früh, im Jahre 1991, fertig gestellt worden. Es handelt sich um eines der ersten Projekte im Emschersystem. Allerdings wird sein Mündungsbereich erst zusammen mit dem Emscher-Umbau neu gestaltet. Ein Besuch lohnt sich aber schon jetzt. Der umgebaute Bachabschnitt hat sich als Lebensraum für Tiere und Pflanzen hervorragend entwickelt. Es gibt am Unterlauf auch noch etwas ganz Besonderes: Die ehemalige Kläranlage Läppkes Mühlenbach wurde zu einem kleinen Gewerbepark in einer Gartenlandschaft umgebaut. Seerosen blühen im ehemaligen Klärbecken, und der Faulturm dient als Aussichtspunkt.
Auch am Deininghauser Bach in Castrop-Rauxel kann man sich schon jetzt ein Bild davon machen, wie aus offenen Schmutzwasserläufen wieder lebendige Bäche werden. Hier sind die Umbaumaßnahmen größtenteils abgeschlossen, und selbst im dicht bebauten Stadtgebiet von Castrop-Rauxel soll in der Schulstraße der bisher verrohrte Bach zurück ans Tageslicht geholt werden.
Und Wasser macht Arbeit: Der Umbau des Emschersystems kostet viel Geld, nämlich 4,4 Milliarden Euro. Aber die Investitionen lohnen sich, denn der Umbau bedeutet auch viel Arbeit, besonders für die Bauwirtschaft, die Kanalrohre, Baumaschinen und Fahrzeuge bereitstellt. Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen haben berechnet, dass bis 2015 jedes Jahr 3.400 Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen und sogar 5.500 Arbeitsplätze bundesweit gesichert oder neu geschaffen werden, wobei die rund 1.500 Mitarbeiter der Emschergenossenschaft nicht eingerechnet sind.


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Die Renaturalisierung eines begradigten Flussabschnitts

An der Lippe hat man sich schon immer bemüht, das Wasser möglichst sauber zu halten. Das unterscheidet die Lippe von der benachbarten Emscher, die wohl noch einige Jahre als Abwasserfluss dienen muss. Und so vermitteln die Lippe und ihre Aue auch heute noch auf langer Strecke einen idyllischen Eindruck. Aber der Eindruck täuscht. Die Lippe wurde durch Begradigungen, Einengungen und Uferbefestigungen sowie durch Wehre und Deiche stark verändert. Sie ist schmal und "gleichförmig" geworden, und über weite Strecken hat sie sich tief in die Landschaft "eingegraben" (Tiefenerosion). Aber die Lippe ist auf neuen, krummen Wegen: Der Lippeverband hat ein Konzept entwickelt, das Lippeauenprogramm. Der Fluss soll wieder lebendiger werden, die Lebensbedingungen für die Tier- und Pflanzenwelt sollen sich deutlich verbessern. Dafür erwirbt der Lippeverband zum Beispiel einen möglichst breiten Uferstreifen, der dann der natürlichen Entwicklung überlassen bleibt. Und überall dort, wo es möglich ist, werden Böschungssicherungen beseitigt, damit das fließende Wasser die Ufer wieder selbst gestalten kann (Uferentfesselung). An den dann unbefestigten Böschungen bilden sich Steilufer, Abbrüche, Flachwasserbereiche und Anlandungen. Größere Teile der Aue sollen soweit wie möglich wieder regelmäßig überschwemmt werden. Vorgesehen ist auch, dass die landwirtschaftliche Nutzung möglichst extensiv erfolgt und Auenwäldern und anderen Feuchtlebensräumen mehr Raum gegeben wird. Die Lippemündung bei Wesel in den Rhein soll vollkommen neu gestaltet werden, und dafür zieht der Fluss sogar um. Hier erhält die Lippe ein zwei- bis dreimal breiteres und viel flacheres Bett als heute.

Eine Fischtreppe an einem Wehr bei Lünen-Beckinghausen

Können Fische Treppen steigen? An der Lippe ja, aber wieso? Noch wird die Reise der Fische in der Lippe an einzelnen Wehranlagen unterbrochen, aber auch das soll sich im Rahmen des Lippeauenprogramms ändern. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten: Die Wehre werden - wenn sie nicht mehr benötigt werden - beseitigt, oder man muss den Fischen helfen, das Hindernis zu überwinden. Und genau das machen Fischaufstiegshilfen. An einem Wehr (in Selm nördlich von Lünen) erhielten die Fische bereits 1985 eine eigene Fischtreppe, die zu Fischwanderzeiten täglich von bis zu 1.000 Fischen benutzt wird. An anderen Stellen wurden wie beispielsweise in Lünen extra zusätzliche Bachläufe um die Wehre herumgebaut. Weitere Aufstiegshilfen werden folgen, sodass die Lippe zwischen Lippborg und Wesel bald wieder vollständig von den Fischen durchschwommen werden kann.
Auch im Lippegebiet hatte man Bäche zu Schmutzwasserläufen ausgebaut, aber auch sie werden wieder naturnahe Bachläufe. So beispielsweise der Dattelner Mühlenbach und seine Nebenbäche in Oer-Erkenschwick und - wie sein Name schon verrät - in Datteln. Dort, wo in der freien Landschaft genügend freier Raum vorhanden ist, sollen die Bäche in eine Auenlandschaft eingebettet werden. Innerhalb der dicht bebauten Stadtgebiete sind der Umgestaltung zwar enge Grenzen gesetzt, aber auch hier sollen beispielsweise die Ufer abgeflacht und bepflanzt werden.

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Das Sesekegebiet war das "Sorgenkind" des Lippeverbandes. Hier kam es zu besonders tiefen und ausgedehnten Bergsenkungen, sodass die Seseke und ihre Zuläufe in den 1930er Jahren ausnahmslos zu offenen Schmutzwasserläufen ausgebaut werden mussten. Diese wurden mittlerweile komplett durch unterirdische Abwasserkanäle ersetzt, die das Wasser zu vier modernen Kläranlagen leiten. Bis 2010 wird das gesamte Sesekesystem umgebaut sein. Die Betonschalen werden entfernt, und die Bachläufe werden - je nachdem, wie viel freies Gelände vorhanden ist - möglichst naturnah umgestaltet. Am Massener Bach und an der Körne lässt sich beispielsweise die Zukunft schon jetzt erleben.

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