Flussgebietsmanagement - was soll das denn sein? Managen heißt eigentlich nichts anderes, als etwas geschickt zu leiten, zu lenken oder zu organisieren. Aber warum braucht ein Flussgebiet so etwas? Ganz einfach: Wir nutzen unsere Gewässer ganz unterschiedlich, und jeder stellt dabei andere Ansprüche an das Wasser. Da sind zum Beispiel die Kraftwerke, die Kühlwasser brauchen, und da ist die Industrie, die Wasser für ihre Produktion benötigt. Wir wollen angeln, baden und Boot fahren. Große Mengen Abwasser müssen gereinigt und entsorgt werden, und dabei dürfen die Flüsse und Bäche nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser haben (geregelte Wasserführung). Auch müssen die Menschen vor Hochwasser geschützt werden. Gleichzeitig gilt es aber auch, die Natur zu schützen und mit unseren Bächen und Flüssen sorgsam und nachhaltig umzugehen.
Alles auf einmal ist schwierig, und die unterschiedlichsten Ansprüche ans Wasser müssen geschickt organisiert und gegeneinander abgewogen, also "gemanagt" werden. Für Emscher und Lippe und ihre zahlreichen Zuflüsse haben zwei Wasserwirtschaftsverbände, die Emschergenossenschaft und der Lippeverband, diese schwierige Aufgabe übernommen.

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Ein begradigter Fluss in einer Wohnsiedlung

In natürlichen Gewässern fließt das Wasser von allein durch das Gefälle ab, in der Fachsprache sagt man "sie haben einen geregelten Abfluss". Für Emscher und Lippe und ihre Nebenbäche ist das schon lange nicht mehr selbstverständlich. Dies liegt vor allem am Bergbau, aber das ist eine lange Geschichte, deswegen später mehr davon. Früher wollte man Abwässer und Regenwasser möglichst schnell und sicher durch die Bäche und Flüsse ableiten. Dazu wurden sie begradigt und in ein Stein- und Betonkorsett gezwängt.
Heute wollen wir einen solchen "pflegeleichten" Fluss oder Bach nicht mehr haben. Er widerspricht einer nachhaltigen und möglichst naturnahen Entwicklung des Gewässers. Wo immer es geht, werden deshalb Flächen zur Verfügung gestellt, um Uferstreifen anzulegen, Gehölze zu pflanzen und Böschungssicherungen zu beseitigen, damit das fließende Wasser die Ufer und die Aue wieder selbst gestalten kann. Die Flüsse und Bäche in der Emscher- und der Lipperegion werden Stück für Stück umgestaltet. Fuß- und Radwege werden gebaut, sodass sie auch für uns Menschen wieder "erlebbar" werden.

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Pumpwerk

Hochwasser ist eigentlich etwas ganz Natürliches. Nach heftigen Regenfällen, aber auch nach der Schneeschmelze treten Flüsse und Bäche über die Ufer und überfluten ihre Aue. Aber wir Menschen haben die Flussauen im Laufe der Zeit immer mehr zugebaut. Also müssen wir das Zuviel an Wasser irgendwie zurückhalten, und dafür gibt es Hochwasserrückhaltebecken. Sie sind normalerweise leer oder nur teilweise mit Wasser gefüllt. Wenn die Wassermenge in einem Fluss oder Bach zu stark anwächst, wird das Hochwasserrückhaltebecken geflutet und das Wasser anschließend langsam wieder in das Gewässer abgelassen. Rückhaltebecken können sich bei entsprechender Gestaltung zu ökologisch wertvollen Lebensräumen entwickeln. Bei Dortmund plant die Emschergenossenschaft zwei Hochwasserrückhaltebecken mit einer Gesamtfläche von 63 Hektar, das entspricht 88 Fußballfeldern. Sie werden als "grüne Becken" mit auentypischen Lebensräumen gestaltet. Bei Hochwasser helfen aber nicht nur Rückhaltebecken. So ist es auch sinnvoll, den Bach oder Fluss "kontrolliert" über die Ufer treten zu lassen, und zwar überall da, wo er kaum Schaden anrichten kann, auf Wiesen und Weiden zum Beispiel. Solche überflutbaren Flächen heißen Retentionsräume.
In der Emscher-Lippe-Region gibt es aber noch ein ganz besonderes Problem. Durch den Bergbau sind unterirdische Hohlräume entstanden. An vielen Stellen ist die Erdoberfläche darüber samt Gewässer abgesackt - im Extremfall bis zu 25 Meter tief. Diese Bergsenkungen führten die Gewässer im wahrsten Sinne des Wortes in die Irre. Das Wasser fand seinen natürlichen Weg nicht mehr und staute sich in den entstandenen Mulden. So kam es zu vielen Überschwemmungen.
Um die abgesunkenen Flächen vor Überflutungen zu schützen, mussten die Bäche in Fließrichtung unterhalb der durch Bergsenkungen entstandenen Mulden vertieft oder die abgesunkenen Flussabschnitte wieder angehoben und eingedeicht werden. Ohne Deiche würde bei Hochwasser das tiefer liegende Umland sofort überschwemmt. An anderen Stellen wurden aber auch Flüsse und Bäche komplett um das abgesunkene Gebiet herumgeleitet. So wurde beispielsweise die Emschermündung gleich zweimal auf mehreren Kilometern Länge nach Norden verlegt. Übrigens ist der Lippe-Deich bei Hamm-Herringen mit über 19 Metern Höhe wohl der höchste Flussdeich Europas.


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Eine Pumpe im Pumpwerk

Wie Brücken mit Geländer führen Deiche die Bäche und Flüsse über die Bergsenkungsmulden. Aber aus der tiefer liegenden Umgebung kann das Wasser nicht mehr von selbst in diese Bäche und Flüsse abfließen, es sind sogenannte Polderflächen entstanden. Um nun diese Flächen hinter den Deichen von Wasser zu befreien, sind zahlreiche Pumpwerke notwendig, in denen große Pumpen das Wasser aus den Senken herausbefördern. Im Jahr sind das über 600 Milliarden Liter Wasser. Heute werden die Pumpen so angelegt, dass sauberes und schmutziges Wasser getrennt transportiert werden. Das saubere Wasser wird in die Gewässerläufe gepumpt und das Schmutzwasser zum nächsten Abwasserkanal oder direkt zur Kläranlage. Da sich die Landschaft infolge des Bergbaus dauerhaft verändert hat, werden die Pumpen wohl "ewig" laufen. Die Kosten trägt hierfür im Wesentlichen der Bergbau als Verursacher der Bodensenkungen.


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In einigen Ländern führt man Tänze auf, um Regen herbeizuzitieren, auf uns wirkt er meist eher störend und lästig. Dabei erfüllt der Regen eine wichtige Funktion im Wasserkreislauf. Er versickert im Boden, bildet Grundwasser, speist direkt (Oberflächenabfluss) und indirekt (Grundwasserzustrom) die Bäche und Flüsse und sichert somit unsere Trinkwasserversorgung. Das ist der "richtige", der natürliche Weg des Regens. Aber bei uns kann das Wasser nicht mehr einfach überall versickern, denn viele Flächen sind zugebaut, der Boden ist versiegelt. Also fließt ein großer Teil des Regenwassers schnell in die Kanalisation, mischt sich dort mit dem Schmutzwasser und muss in den Kläranlagen aufwändig gereinigt werden. Und die Kanalrohre müssen auch noch groß genug sein, um die Wassermassen aufzunehmen. Dabei können sie einen Durchmesser von über vier Metern erreichen. Außerdem darf das viele Wasser nicht auf einmal in der Kläranlage ankommen. Diese wäre dann total überlastet. Deswegen wird das Wasser in speziellen Regenüberlaufbecken "zwischengelagert" und von dort dosiert an die Kläranlage weitergeleitet. Ist das Becken voll und es regnet immer noch, muss das überschüssige Wasser in einen Fluss oder Bach eingeleitet werden. Um zu verhindern, dass dabei zu viel Wasser plötzlich in das Gewässer gelangt, sind häufig Regenrückhaltebecken vorgeschaltet. Sie nehmen die abfließenden Wassermengen kurzfristig auf und geben sie langsam an das Gewässer ab. So werden die Wasserorganismen davor bewahrt, von einer plötzlichen starken Flutwelle weggeschwemmt zu werden.

Regenwasserversickerung an einer Schule

Das alles verursacht hohe Kosten, und auch für die Umwelt gibt es bessere Lösungen. Denn das abgeleitete Regenwasser fehlt an anderen Stellen. Quellen und Bäche fallen trocken, das Grundwasser wird nicht genügend erneuert und der Boden nicht bewässert. Andererseits sind die Bäche und Flüsse bei starken Regenfällen durch das schnell abfließende Regenwasser überfordert, und die Gefahr des Hochwassers wächst. Deshalb brauchen wir einen sinnvollen Umgang mit Regenwasser, die naturnahe Regenwasserbewirtschaftung. Ihr Ziel ist es, möglichst viel sauberes Regenwasser von der Kanalisation fernzuhalten und dem Grundwasser, aber auch wohldosiert den Flüssen und Bächen zuzuführen. Die einfachste Methode: Das Wasser versickert einfach im Boden (Regenwasserversickerung). Bei wasserdurchlässigem Boden lässt sich das Regenwasser beispielsweise von Dächern oder anderen versiegelten Flächen auf eine große, begrünte Freifläche leiten (Flächenversickerung). Man kann das Wasser aber auch in einer flachen Mulde sammeln, von wo es dann langsam in den Boden abfließt. Eine solche Versickerungsmulde kann gut mit der Anlage eines Teiches gekoppelt werden. Es gibt eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten, beispielsweise kleine "Wasserläufe" anlegen, das abgeleitete Regenwasser in einem Brunnen sammeln ... der Fantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.
Die Regenwasserversickerung hat viele Vorteile:

  • Das Wasser wird auf natürliche Weise beim Versickern durch den Boden gereinigt
  • Das Grundwasser wird angereichert
  • Die Kanalisation und die Kläranlagen werden entlastet
  • Da die Kanalisation nicht mehr so rasch und stark überläuft, kommt es auch nicht so schnell zu Hochwasser in unseren Bächen


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Der Steinkohleabbau und die damit verbundenen Bergsenkungen haben auch unser Grundwasser wesentlich beeinflusst, denn in den Senkungsmulden wurde der Abstand zwischen dem Grundwasser und der Geländeoberfläche (Grundwasserflurabstand) verringert. Stellenweise hat sich die Erdoberfläche sogar unter den ursprünglichen Grundwasserspiegel abgesenkt. Damit es nicht zu großflächigen Vernässungen an der Oberfläche kommt, muss der Grundwasserstand dauerhaft gesenkt werden. Dafür sorgen spezielle Polderbrunnen und Pumpwerke.
Der Grundwasserspiegel kann allerdings auch durch die Regenwasserversickerung und die Höherlegung der Bachsohlen beim Gewässerumbau in der Emscher-Lippe-Region ansteigen. Dies könnte vor allem in den Senkungsgebieten, wo das Grundwasser ja sowieso schon hoch ansteht, zu nassen Kellern oder anderen Schäden an den Häusern oder sogar zu Überflutungen führen. Um solche ungewollten Auswirkungen rechtzeitig zu erkennen und zu verhindern, werden mögliche Veränderungen des Grundwasserstandes durch spezielle Untersuchungen ermittelt. Außerdem gibt es rund 3.000 Messstellen, an denen die aktuellen Grundwasserstände regelmäßig erfasst werden. All diese Ergebnisse fließen in die Planung der Umgestaltung von Emscher, Lippe und ihren Zuflüssen ein und helfen bei der Entscheidung über Art und Umfang der Grundwasserregulierung.

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